Gastbeitrag von Gabor Steingart

Journalismus unter Feuer: Studien zum Medien-Vertrauen zeigen deutliches Bild dpa/ Marijan Muratbild Verschiedene Tageszeitungen.

Gastautor Gabor Steingart

Montag, 27.01.2020

Der Journalismus ist weltweit unter Feuer, auch und insbesondere in Deutschland. Alle Studien zum Vertrauen in die Medien sprechen eine deutliche Sprache.

"In Deutschland gibt es ein grundsätzliches Selbstmissverständnis vieler Journalisten"

Der Berliner Medien-Professor Norbert Bolz sagt: Schuld sei ein Meinungsjournalismus, der vor allem Haltung transportiere und weniger die Fakten. Das werde vom Publikum nicht goutiert:

"In Deutschland gibt es ein grundsätzliches Selbstmissverständnis vieler Journalisten - nämlich, dass sie die klassische angelsächsische Trennung zwischen Information und Meinung nicht mehr mitmachen wollen und stattdessen Gesinnungsjournalismus produzieren."

Ein Selbstversuch der "NZZ" - die Redaktion hörte zwei Tage lang Deutschlandfunk - endete mit einem für den Sender trostlosen Fazit:

"Diskussionen auf Portalen wie Twitter mögen oft wirken, als fänden sie in einer Parallelwelt statt. Doch für das Programm des Deutschlandfunks gilt dasselbe. Und im Gegensatz zu vielen Zeitungen macht sich der Sender erst gar nicht die Mühe, Themen aufzugreifen, die weite Teile der Bevölkerung ganz offensichtlich bewegen."

Die Online-Journalistin Eva Schulz, die mit Deutschland 3000 überwiegend junge Menschen bei Instagram und YouTube erreicht, ist die Stimme einer neuen Generation. Auch sie stellt unbequeme Fragen:

"Was wollen denn die Menschen, für die wir Journalismus machen; was ist für sie relevant; was sind die Fragen, die sie sich stellen?"

Buhrow: "Der Journalismus befindet sich unter Rechtfertigungsdruck"

Stoff genug für ein Gespräch mit dem leidenschaftlichen Journalisten Tom Buhrow, einst Korrespondent in Washington und Paris und derzeit neben seiner Position als WDR-Intendant auch Vorsitzender der ARD. Im Morning Briefing Podcast sagt er:

"Der Journalismus insgesamt ist nicht in der Krise, aber befindet sich unter Rechtfertigungsdruck."

"Wir müssen uns selbstkritisch fragen: Haben wir die vielen Jahrzehnte, in denen wir alle quasi die Schleusenwärter der Information waren, so genutzt, dass es im Sinne des Publikums und im Sinne unserer Leserinnen und Leser immer war?"

"Wir kommen nicht mit einem ausgeglichenen Konto, sondern wir kommen mit einem Minus auf die Leute zu. Wir haben aber immer so getan, als hätten wir ein ausgeglichenes Konto."

"Wir konzentrieren uns immer nur auf ein Thema"

Tom Buhrow fordert mehr Demut gegenüber dem Leser, Hörer und Zuschauer:

"Wir sagen so gerne: Wir sind die vierte Gewalt - und stellen uns selbst auf ein hohes Podest. Aber gleichzeitig will man keine Verantwortung übernehmen und ist dann sehr mimosenhaft, wenn man mal irgendwie selber kritisiert wird. Wie ein klein bisschen demütiger auftreten würden, im Sinne von ‚wir dienen euch'. Das ist das, was die Leute einfach spüren wollen."

Die medial überzeichneten Erregungswellen erlebt er als Problem, das verstört:

"Wir konzentrieren uns immer auf ein Thema - und wenn es eine Satire ist. Das wird dann mal wochenlang thematisiert und nichts anderes. Und dann? Kommt ein neues Thema, und das andere tritt total in den Hintergrund. Diese Aufgeregtheit, das spürt man in der Bevölkerung, sie ödet die Leute allmählich an."

Die Tabuisierung von Konfliktthemen macht aus Sicht von Tom Buhrow keinen Sinn:

"Je mehr Themen nicht im Diskurs vorkommen oder vorkommt dürfen, desto mehr werden sie sich unterm Teppich schimmelnd in hässlicher Form weiter verbreiten."

Anstelle der täglichen Apokalypse könnte ein Schuss Humor uns Journalisten nicht schaden

Fazit: Eine pluralistische Gesellschaft findet in der Gleichförmigkeit der Medien zunehmend weniger ihre Entsprechung. Wenn wir Medien mit uns selbst nur halb so kritisch ins Gericht gingen wie mit Trump, Merkel und Co., dann wäre das Publikum vermutlich versöhnlicher gestimmt. Und anstelle der täglichen Apokalypse könnte ein Schuss Humor uns Journalisten nicht schaden. Oder um es mit dem kolumbianischen Essayisten Nicolas Gomez Davila zu sagen: "Misstrauen wie der Prosa, die nicht lächelt."


Quelle: focus.de vom 27.01.2020